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📚 Geschichte der Wählscheibe

Das Impulswahlverfahren

Die Geburt der automatischen Vermittlung

1891Almon Brown Strowger, ein Bestattungsunternehmer aus Kansas City, war überzeugt, dass die Telefonistin ihm Kunden stahl (sie war die Frau seines Konkurrenten). Also erfand er den ersten automatischen Telefonvermittler – ohne menschliche Operatoren.

US Patent 447,918

Strowgers Patent beschrieb ein System, bei dem der Anrufer durch elektrische Impulse direkt eine Verbindung aufbauen konnte:

Ziffer 5 = 5 Stromkreisunterbrechungen
Ziffer 0 = 10 Stromkreisunterbrechungen

Der Nummernschalter (Wählscheibe)

Das Siemens Patent (1913)

In Europa entwickelte Siemens & Halske den modernen Nummernschalter (AT 67958B). Das Design war genial einfach:

  1. Fingerloch für jede Ziffer (1-9, 0)
  2. Federmechanismus für die Rückdrehung
  3. Kontaktscheibe für die Impulserzeugung

Technische Spezifikation:

Parameter Wert
Impulsfrequenz 10 Hz (±0,5 Hz)
Impulsverhältnis 60/40 (Break/Make)
Drehwinkel pro Ziffer 30°
Maximaler Drehwinkel 300° (Ziffer 0)
Rücklaufzeit ~100ms pro Impuls

Das Funktionsprinzip

Schritt für Schritt:

1. Finger in Loch (z.B. "5") stecken
2. Nach rechts drehen bis zum Anschlag
3. Loslassen

Mechanik:
├── Feder wird gespannt
├── Kontaktscheibe dreht mit
└── Bei Rücklauf: Kontakte öffnen/schließen

Elektrisch:
├── Schleifenstrom wird unterbrochen
├── Vermittlung zählt Impulse: 1, 2, 3, 4, 5
└── Ziffer "5" erkannt

Das Timing:

Impuls-Timing (10 IPS):

     │  Break  │ Make │
     │  60ms   │ 40ms │
     ▼         ▼      ▼
   ──┐         ┌──────┐         ┌──
     │         │      │         │
     └─────────┘      └─────────┘

   │ Ziffer 1 │    │ Ziffer 2 │
   │  100ms   │    │  200ms   │

Die Verbreitung

1920er-1930er: Europäische Expansion

  • 1923: Berlin erhält automatische Vermittlung
  • 1930: 50% der deutschen Städte automatisiert
  • 1936: Olympische Spiele Berlin – vollständig automatisch

1950er-1960er: Goldene Ära

Die Wählscheibe wurde zum Symbol des modernen Lebens:

"Der Griff zur Wählscheibe bedeutete Unabhängigkeit von der Telefonistin – und die Möglichkeit, jederzeit, jeden, überall anzurufen."

Design-Ikonen:

Modell Jahr Land Besonderheit
FeTAp 611 1963 DE "Der Graue" – Standardtelefon
Ericsson Ericofon 1956 SE Futuristisches Design
Western Electric 500 1949 US Amerikanischer Klassiker
GPO 706 1959 UK Britischer Standard

Das Ende einer Ära

1963: Tonwahlverfahren (DTMF)

AT&T führte das Dual-Tone Multi-Frequency (DTMF) System ein – Tasten statt Scheibe:

       1209 Hz  1336 Hz  1477 Hz  1633 Hz
697 Hz    1        2        3        A
770 Hz    4        5        6        B
852 Hz    7        8        9        C
941 Hz    *        0        #        D

Vorteile der Tonwahl:

  • Schneller: Sofortige Erkennung (vs. 1s für "0")
  • 🔧 Zuverlässiger: Keine mechanischen Teile
  • 🔢 Mehr Zeichen: *, #, A-D möglich
  • 💻 Kompatibel: Mit automatisierten Systemen

Die langsame Ablösung:

Jahr DE Anteil Tonwahl
1970 < 1%
1980 ~10%
1990 ~60%
2000 ~95%

Nostalgie und Revival

Warum wir sie vermissen:

  1. Haptik: Das mechanische Gefühl der Drehung
  2. Tempo: Erzwungene Entschleunigung
  3. Sound: Das charakteristische Rattern
  4. Design: Zeitlose Ästhetik
  5. Erinnerungen: An Oma, an Kindheit, an einfachere Zeiten

Moderne Interpretationen:

  • Area Rotary Phone (2018): USB-Wählscheibe für Computer
  • manniPhone (2026): Web-basierter Simulator
  • Museum Interaktiv: MFK Frankfurt

Technische Referenzen

Normen und Standards:

  • ITU-T Q.23: Impulswahlverfahren (International)
  • DIN 41709: Nummernschalter (Deutschland)
  • EIA RS-464: Dial Pulse Signaling (USA)

Patente:

  • US 447,918 (1891): Strowger – Automatic Telephone Exchange
  • AT 67958B (1913): Siemens – Nummernschalter
  • DE 426,265 (1926): Siemens – Verbesserter Fingerscheiben-Mechanismus

Quellen


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